Das Ende der ernsten Musik

Über den unaufhaltsamen Klimawandel in der Musik

Kulturpessimismus

Kulturpessimismus

 

Kulturpessimismus ist der feste Glaube daran, dass es mit der Kultur bergab geht, und er ist sicher so alt wie die Kultur selbst. Wenn man gleich das Ende der klassischen Musik – zumindest als „ernste Musik“ heraufbeschwört, frönt man ge­radezu dem Gipfelgenre des Kulturpessimismus, der „Untergang-des Abendlandes“-Literatur. Wie sinnvoll ist solcher Pessimismus, wenn man im Grunde nur die Wahl zwischen drei Übeln hat?

 

  1. Man hat Unrecht: dann ist es einfach Unsinn, was einem die Laune verdirbt.

  2. Man beteiligt sich, wie Sibylle Berg1 es ausdrückt nur an dem Gejammer eines Sterbenden, anstatt hinzunehmen, dass sich die Welt halt ändert.

  3. Man auch noch Recht mit seinem Gejammer.

Ob eine „Klassikkatastrophe“ gleich eine umfassende „Kulturka­tastrophe“ ist, darf zudem differenzierter betrachtet werden. Wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht, erlebt man Blüten, für mich vor allem (immer noch!) im Film und im modernen Tanz. Beide haben das Zeug zum Gesamtkunstwerk, in der die Freiheit, Kontexte über alle Kunstgrenzen hinaus zu setzen, extreme Ansprüche an eine einzelne Kunst abmildert. Der moderne Tanz macht dar­über hinaus das Privileg des unmittelbaren und durch kein Medium an­gemessen vermittelbaren Dabeiseins wieder erfahrbar, zumindest insoweit, dass er keinen solchen Konkurrenten hat wie das Theater mit dem Film. Der zeitgenössische Tanz befindet sich darüber hinaus in einer geschichtlich glücklichen Situation, dass er seine Ausdrucksmöglichkeiten immer noch nicht ganz durchexperi­mentiert hat, so wie das Drama im 17. und der bürgerliche Roman im 19. Jahrhundert.

Der klassischen ernsten oder ernsten klassischen Musik aber geht es unweigerlich an den Kragen, und ich halte es für notwendig, davon zu sprechen: Einmal als Gegengewicht zur ranschmeißerischen Anpassung an diese Entwicklung in Musikwissenschaft, Musikpädago­gik und Musikkritik, und andererseits kann eine gewisse Ehrlichkeit sich selbst gegenüber nicht schaden, vor allem dann nicht, wenn sich an dieser „Kultur“ so mancher Lebensentwurf schon besonders früh anhängt.

In dieser Schrift werden mit „Klassik“ und „ernster Musik“ zwei Kampfbegriffe vequickt, die beide Anlass zu unzähligen Definitionen und Diskussionen über Sinn und Berechtigung hinter sich haben. Dabei halte ich die Abgrenzung von Klassik als Sparte für nicht so schwer. So schwer es ist, sie sprachlich zu fassen, so leicht ist es, ein CD-Sortiment danach zu sortieren, und darum spare ich mir diese Ein­grenzung. Etwas anderes ist es mit der „ernsten Musik“. Hier scheint ein Begriff eine Definition über ein Werturteil zu implizieren, und da man „klassische“ und „ernste“ Musik in der Verwertungsgesellschaft gleichsetzt, regt sich verständlicherweise Widerstand dort, wo man außerhalb der „Klassik“ seine Musik ernst nimmt. Mir liegt sehr viel an der „ernsten Musik“ sowie am Ernst in der Musik. Darum komme ich auch um eine

 

Klärung dessen, was „ernste Musik“ ist,

 

nicht herum. Soviel bereits an dieser Stelle: Ich halte die klassische Musik letztlich für die „ernste“ Musik. Sie ist es unfreiwilligerweise auch erst geworden, als sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine „leichte“, eine „Unterhaltungsmusik“ von ihr ausdifferenzierte, indem sich gegenüber dem überhand nehmenden tradierten Material in Form von altehrwürdigen Kompositionen Operette und Salonmusik als Ware in der bürgerlichen Welt etablierte. Allerdings ist Klassik nicht als Sparte per se „ernst“, sondern auch nur unter bestimmten Anforderungen. Abgenudelt in Vierminuten-Päckchen ihrer 100 Greatest Hits ist sie selbstverständlich Unterhaltungsmusik und als solche kaum wertvoller als ein Musikantenstadel; da ist jeder Indie-Rock ernsthafter. Sie ist auch nicht per se „gut“, da sie nicht automatisch die ihr ureigensten Anforderungen erfüllt, indem sie sich diesen nur stellt. Umgekehrt gibt es eine ernste Musik, die letztlich nur in der geschichtlichen Linie der klassischen Musik als solche zu verstehen ist. Das soll andere nicht bekümmern, die sich deswegen nicht ernst genug genommen fühlen, denn es wird an dieser Stelle auch behauptet,

 

dass die ernste klassische Musik mit ganz aus ihrer Geschichte zu er­klärenden Eigenschaften in eine Sackgasse geraten ist,

 

auf die Vertreter anderer Musikrichtungen, die sich aus wirtschaftlichen oder Reputationsgründen in Konkurrenz zur „ernsten Musik“ sehen, gerne mit Schadenfreude blicken können.

Die ernste Musik gehört of­fenbar zu einer Gesellschaft, die wir nicht mehr wollen und vielleicht auch kaum noch wollen können. Die entsprechenden Aspekte, an de­nen es sich festmachen ließe, sind in folgenden Gegensätzen ausge­drückt: Wir bevorzugen ganz augenscheinlich

 

  1. Egalität statt Elite

  2. partnerschaftliche Pädagogik statt autoritärer Pädagogik

  3. Freiheit im Geschmack statt akademisch/künstlerischer Wertung

  4. Subventionskultur statt Mäzenatentum oder auch

  5. Kultur im marktwirtschaftlichen Wettbewerb statt Subventionskultur

 

Aus diesen fünf Gegensätzen ergeben sich die

pädagogische Sackgasse

sowie die

wirtschaftliche Sackgasse,

 

in der sich ernste Musik neben ihrer historischen befindet.

Es ist naheliegend anzunehmen, dass es sich beim Untergang der klassischen Musik als ernster Musik auch um einen Verdrängungsprozess handelt, ausgehend von der Unterhaltungsmusik und darin besonders von der Popmusik (was nicht das selbe ist wie Unterhaltungsmusik!). Das halte ich für zu einfach. Die Popmusik trifft an sich keine Schuld. Sie steht gewissermaßen nur bereit, ein Vakuum zu füllen. Allerdings ist es durchaus eine Eigenschaft des Pop, jede Diskussion um den ästhetischen Wert angesichts von Verkaufserfolg lächerlich erscheinen zu lassen, was letztlich nichts anderes bedeutet als eine

 

Sackgasse des ästhetischen Wertes im Geldwert.

 

Den Unterschied zwischen Unterhaltungsmusik und Popmusik gilt es also aufzuzeigen, um diese Prozesse zu verstehen, denn die Popmusik nimmt sich auf eine ganz andere Weise ernst als die ursprüngliche Unterhaltungsmusik, die selbst als „U-Musik“ eine recht junge Erfindung ist. Dies zeigt sich in einer

 

kleinen Geschichte der U-Musik,

 

die zudem von der anderen Seite noch einmal beleuchtet, wie es zu einer Unterscheidung von E- und U-Musik kommen konnte.

Wenn – soviel sei vorweggenommen – man an ein Überleben der klassischen Musik als „ernster Musik“ auf Dauer nicht glaubt, was et­was ganz anderes ist als ein Überleben als Genre oder Stil, gilt es nach dem „Ernst“ in anderer Musik zu suchen. Die Frage

 

Wie ernst kann Pop?

 

muss in diesem Zusammenhang schon aus zwei Gründen gestellt wer­den: Erstens wird Pop so gehandelt, als wenn dies überhaupt keine Frage wäre, indem er entsprechend in Feuilletons und im akademi­schen Musikbetrieb gewürdigt wird, wie es in dieser Form bezogen auf Unterhaltungsmusik vorher nicht üblich war. Zweitens wird Klassik als Stil selbst zunehmend zu einem Untergenre des Pop, stilistisch zwar weit entfernt von Death-Metal und Speedcore, aber irgendwie doch unter dem sel­ben Dach.

Eine besondere Rolle kommt dabei auch dem

 

Lautsprecher

 

zu, der offenbar für die Entwicklung der Musik die selbe Bedeutung hat wie zuvor die Notenschrift. So wie die Notenschrift erst die Entwicklung der ernsten Musik als Denk- und Überlieferungsinstrument ermöglichte, um sie mit der Entwicklung von hohen Auflagen auch schon ein wenig wieder zu verdrängen, veränderte der Lautsprecher ganz die Formen der Musikproduktion und verringerte erheblich die Bedeutung die die Kunstfertigkeiten der Musiker darin hat.

Dass dem Jazz hier nicht die selbe Aufmerksamkeit zukommt, liegt daran, dass es um ihn noch viel einsamer wurde als um die Klassik. Entweder wird er in einer noch kleineren Nische als die Klassik vergessen, oder er überlebt als eine Art Nachfolge-Pop für älter werdende Menschen, dehnen die akustische Oberfläche des Chart-Mainstreams zu anstrengend wurde.

Als Referenz habe ich nur

 

eine musikalische Autobiografie

 

zu bieten, die zumindest zeigen kann, dass ich mit den gängigsten Sparten der Musik (Klassik, Pop, Jazz) eingehende Erfahrungen ge­macht und alle in einer tiefen Ernsthaftigkeit empfunden habe.

Nach „Lösungen“ für ein Problem suche ich nicht. Die essayisti­sche unwissenschaftliche Art (die schöne Zeit, in der ich mich endlos in Bibliotheken herumtreiben konnte, ist leider lange vorbei) mag dazu herausfordern die Behauptungen mit statistischen Untersuchungen zu Konzertprogrammen, Publikumsstrukturen, Wettbewerbsteilnahmen usw. zu überprüfen. Der größte Teil der geäußerten Gedanken lässt sich mit Sicherheit auch aus soziologischer, musikwissenschaftlicher und kunstphilosophischer Literatur zusammentragen. Ich riskiere aber stattdessen den ein oder anderen Gedanken zu äußern, der anderswo bereits viel besser auf den Punkt gebracht wurde. Ich vermute, dass eine umfangreiche Literaturrecherche nur zu Unmengen Fußnoten führte, ohne dass sich in der Sache und im Ergebnis etwas änderte. Man verzeihe mir also diese al-fresco-Technik. Die genannte

 

Literatur

 

steht demnach für entsprechende Berührungspunkte, die jeder für sich als weitere Leseanregung verstehen kann.

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Warum schreibe ich?

Ich habe keine wissenschaftlichen Lorbeeren erworben, sondern mich in allen möglichen Formen mit Musik beschäftigt, indem ich als Instrumentalist, Instrumentallehrer, Gymnasiallehrer, Jazzmusiker, Rockmusiker und Komponist, und nicht zuletzt als Vater, dessen Kinder es bis Landes- und Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ gebracht haben, Erfahrung habe. Keine dieser Erfahrungen hat mich an eine Sparte „gekettet“, darum ist mit dem Wort „Gymnasiallehrer“ auch alles über meine Karriere, ob wissenschaftlich, ob künstlerisch, gesagt. Anderseits ist mein Erfahrungsschatz sehr breit und ich glaube, das Zusammengetragen dieser Erfahrungen ergibt düstere Konsequenzen für die ernste Musik.

Die Gedanken dazu haben bereits Buchstärke. Ob es deswegen dazu ein Buch geben wird, wird sich zeigen. An dieser Stelle sollen aktuelle Beobachtungen zu dem Thema zur Sprache kommen.